W wie Wachstum

Ursendung: Sonntag, den 13.September / 14.05 Uhr / SWR2 Feature am Sonntag

Was Sie hier finden ist eine Art Sammelsurium. Entlang des Radiofeature-Skriptes finden Sie  Materialien, Verweise, Spuren und Hinweise, die ohne Anspruch auf Vollständigkeit einen assoziativer Einstieg in das Themenfeld bilden. Eine definierte Zugangstür in die Perspektive, die dem Conversationslexikon zu Grunde lag und liegt.

Skript / Verweise / Material

die zuhörenden.
Das Glück und die Freude des Werdens!

Die Sehnsucht nach Wachstum!

Das Wachstum ist ein Versprechen eine Prophezeiung…

Das Säen, das Pflegen, das Gedeihen … und am Ende…

…am Ende steht das Ernten… das Ernten eines verdienten Ertrages… das ist gerecht und schön…

Willkommen Mr. Chance! 1979, Peter Sellers als Gärtner: „In einem Garten hat alles Wachstum seine Zeiten, erst kommen Frühling und Sommer…“

Das Conversationslexikon. Heute: W wie Wachstum. Ein Radiofeature mit und ohne Publikum von Armin Chodzinski und Nis Kötting.

Wachstum ist menschlicher Fortschritt…

Titel_Jackson_Growth_ND-Paperback_fbTim Jackson sagt 2009: „Diese Vision ist nicht nur wegen ihrer Selbstlosigkeit bemerkenswert, sie ist auch eine Bestätigung dafür, dass unser Leben einen Sinn hat.[…] Sie weckt in uns das tröstliche Gefühl, das alles insgesamt nicht schlechter, sondern besser wird – wenn nicht für uns selbst, dann zumindest für unsere Nachkommen“

 

 

„Wachstum, (Biologie): Die nicht umkehrbare (irreversible) Vergrößerung eines Organismus oder einzelner Teile (Organe). Wassereinlagerung, Schwellung oder Quellung der Gewebe werden nur dann als Wachstum bezeichnet, wenn sie nachträglich durch den Einbau anderer Strukturelemente stabilisiert werden. Fettansatz oder Speichervorgänge rechnet man nicht zum Wachstum.“ Brockhaus, 17. Aufl., 1974, Band 19, Seite 763

die zuhörenden.
Sieh die Dinge wie sie sind…. und nicht wie Du sie gerne hättest. Auch der schönste Traum ist irgendwann zu Ende und dann… Selbstlosigkeit…? Also dann hat die Realität Dich wieder, dann bestellst Du irgendwo was zu trinken, sitzt herum und wartest darauf das jemand die Karten neu mischt…?

Das ist doch Quatsch…

Wie?

Ja, das macht keinen Sinn… überhaupt keinen Sinn

Wie?

Egal, Dennis Maedows hat das mit dem Wachstum mal sehr schön erklärt: „If you’re a parent and you have a child, then you will be very enthusiastic fort the for the first 18 oder 20 Years…

Die Bühne ist groß und die Publikums-Ränge sind gut gefüllt. Über die ganze Bühnenbreite sieht man eine Projektion, die eben noch – an die 6m hoch und 12m breit – das Gesicht des Dennis Maedows zeigte: Nun: Ein Film aus den 1930er Jahren. Kuhle Wampe. Menschen fahren zur Arbeit. Mit dem Zug. Mit der Bahn. Davor befindet sich die Band: Bass, Schlagzeug, Tasteninstrumente. Silhouetten vor den bewegten Bildern auf der Leinwand. Ein Scheinwerfer folgt dem Vortragenden, der die Anwesenden begrüßt und sich gänzlich in die Melancholische Gestimmtheit des Anfangs fallen lässt.

der vortragende
Wir begrüßen uns: Guten Abend! Wie geht’s? „Wir haben offenbar großes Interesse am Wohlbefinden des andern. Das es allen gut geht, ist ein allgemein menschliches Anliegen. Wir wollen, dass es uns gut geht, aber wir wollen natürlich auch, dass das in Zukunft so bleibt. Wir werden wohl kaum das Gefühl haben, dass das Leben glatt läuft, wenn wir damit rechnen müssen, dass morgen, ja morgen alles in die Brüche geht. Es liegt in der Natur des Menschen, sich Gedanken über die Zukunft zu machen. Und wir wissen oder wussten, das der Wohlstand des Einzelnen durch gesellschaftliche Missstände beeinträchtigt wird, dass es mir persönlich noch gut geht, ist ein geringer Trost, wenn Familie, Freunde und Gesellschaft sich allesamt in einer Notlage befinden. Mein eigenes Wohlergehen und das Wohlergehen der Menschen um mich herum ist miteinander verwoben es ist eng miteinander verwoben. Aus der Tatsache, dass wir Sorge füreinander trugen, erwuchs eine Vision menschlichen Fortschritts.

Vorwärts und nicht vergessen / worin unsere Stärke besteht! / Beim Hungern und beim Essen, vorwärts nie vergessen: die Solidarität! // Auf ihr Völker dieser Erde, / einigt euch in diesem Sinn, / dass sie jetzt die eure werde, / und die große Nährerin.// Vorwärts und nicht vergessen / worin unsere Stärke besteht! / Beim Hungern und beim Essen, vorwärts nie vergessen: die Solidarität! // Wollen wir es schnell erreichen, / brauchen wir noch dich und dich. / Wer im Stich lässt seinesgleichen, / lässt ja nur sich selbst im Stich.// Vorwärts und nicht vergessen / worin unsere Stärke besteht! / Beim Hungern und beim Essen, vorwärts nie vergessen: die Solidarität! … (Brecht/Eisler, 1931)

die zuhörenden
MalthusDer Ökonom und Pfarrer Thomas Robert Malthus schreibt um 1800: „Ein Mensch, ist wirklich zuviel auf der Erde wenn die Gesellschaft seine Arbeit nicht benötige oder seine Familie nicht die Mittel hat ihn zu ernähren. Dieser Mensch hat nicht das mindeste Recht am Gastmahl der Natur teilzunehmen. Die Natur gebiete diesem Menschen abzutreten und sie säume nicht, selbst diesen Befehl zur Ausführung zu bringen…“ (Die ZEIT)

Wer nicht arbeitet, soll nicht essen…“ 2. Brief des Paulus an die Thessalonicher, Neues Testament.

Kannst Du bitte mal etwas an Deiner Laune tun! Außerdem:

„Wer nicht arbeitet, darf wohl essen, wenn ich ihm etwas zu essen schenken will, aber er hat keinen rechtskräftigen Anspruch aufs Essen. Er darf keines andern Kräfte für sich verwenden; ist keiner so gut, es freiwillig für ihn zu tun, so wird er seine eigenen Kräfte anwenden müssen, um sich etwas auszusuchen oder zuzubereiten, oder Hungers sterben, und das von rechts wegen.“ Johann Gottlieb Fichte, 1793 – Beiträge zur Französischen Revolution.

Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker… Der Traum ist irgendwann zu Ende… Hallo…. Wenn ich auch mal darf: „ Karl Marx schreibt im Kapital:

„[Das Kapital als] Fanatiker der Verwertung des Werts zwingt (…) rücksichtslos die Menschheit zur Produktion um der Produktion willen, (…) und die Konkurrenz herrscht jedem individuellen Kapitalisten die immanenten Gesetze der kapitalistischen Produktionsweise als äußere Zwangsgesetze auf.“ (Quelle)

Ja, und…was heißt das…?

Das heißt, dass wenn wir heute auf diese Weise von Wachstum und menschlichem Fortschritt sprechen, dann hätte ich vorhin lieber Schnittblumen kaufen sollen, als hier jetzt an den Blüten nach Samen herumzusuchen…

Und wir hätten lieber jeder im eigenen Auto fahren sollen, als mit der Bahn…?

Genau.

Die Zuhörenden flanieren über das Gelände einer längst vergessenen, innerstädtischen Internationalen Gartenschau und inszenieren sich auf dem Weg zum tropischen Gewächshaus als Connaisseure der sie umgebenden Flora.

Die Band hat die Bühne mittlerweile vollständig verlassen. Ein Assistent bringt dem Vortragenden einen sog. Ghettoblaster und positioniert selbigen auf einem Rollwagen. Der Vortragende selbst steht in der Bühnemitte. Den Blick ins Publikum gerichtet, genießt er sichtlich den Raum, der ihm hier gegeben ist.

der vortragende
Wachstum. Wachstum. Wachstum. Selbst die Weltbank hat in den letzten Wochen verlautbaren lassen, dass die aktuelle Form des Wachstums eine Überhitzung mit ungeahnten Effekten zur Folge haben kann. Dabei geht es nicht um unser Wachstum, es geht nicht um die Deutsche Lokomotive die wieder an Fahrt gewinnt und es geht auch nicht um die Eurozone, die in ihren bestimmten Dynamiken besorgte Gesichter erzeugt. Bei Ihnen, bei Ihnen und bei Ihnen! Nein, es geht um die Schwellenländer, um die Geister die wir riefen, als wir uns an die Pulte stellten und behaupteten es würde um die Welt und nicht nur um uns gehen, als wir mit Pflanzenmetaphern die Welt und unseren Wohlstand erklärten und vor lauter Rührseligkeit verdrängten, dass sich die Dinge vielleicht wirklich verändern könnten und wir sie dann nicht mehr im Griff haben.
Es ist einfach den satten Liberalismus dafür verantwortlich zu machen – wie es heute oft gerne getan wird und es ist sicher nicht falsch. Dennoch gibt es viele die noch Vertrauen hegen; Vertrauen in die Leistungsfähigkeit des Menschen, der immer eine Idee und auf alles eine Antwort hat und lediglich ein System benötigt, das frei von Regulierung, Verantwortung und tiefen Missverständnissen ist… Mein Damen und Herren, der Milton Friedman Chor…

Milton Friedman. Nobelpreisträger 1976. Hauptwerk. Kapitalismus und Freiheit (1968) Ein klassischer Liberaler, wie er selbst von sich sagt: die Freiheit des Marktes; Wegbereiter des neoliberalen Projektes; mehr Markt; mehr Wettbewerb; mehr individuelle Freiheit;
… unser Blick auf Wachstum heute ist ambivalent. Der ungebrochene Glaube daran, das jede Entwicklungslinie, die links unten anfängt die Pflicht hat nach rechts oben anzusteigen hat Risse bekommen. Die ins unendliche ansteigende Linie hat das nur Hoffnungsvolle verloren. Wir trauen unseren Augen nicht: Der blick von links unten nach rechts Oben tut nicht mehr nur noch gut… Probieren Sie es!!! Aber warum?

Allegorie_136098Der neuzeitliche Wendepunkt leitete sich nach Jahrtausenden der Warnungen ein, als konsensfähige Personen Meinungen vertraten, die vor ihnen lediglich von anderen nicht ganz so konsensfähigen Personen vertreten wurden.

1972 stellt der Club of Rome auf dem 3. St.Gallen Symposion eine Studie vor, die nach Veröffentlichung bis heute vier mal überabreitet wurde und sich 30 Millionen Mal verkauft hat: The Limits of Growth. Die Grenzen des Wachstums. Halte a la croissance? Los Limites del cresciemiento. Es ist das erste und bedeutendste Mal, dass sich der, unter anderen vom italienischen Industrieellen und Fiat-Chef Aurelio Peccei gegründete Club of Rome in das gesellschaftliche Gedächtnis einschreibt.

Projektleiter Dennis Meadows, der Nostradamus der Moderne, wie ihn die FAZ nennt, liefert verschiedene computersimulierte Szenarien, die in ihrer Logik schlagend, weil einfach sind. Es geht um ein regelhaftes Weltmodell. Ein Weltmodell mit fünf Faktoren auf dessen Grundlage unterschiedliche Szenarien berechnet werden. Letztmalig aktualisiert im Jahr: Industrialisierung, Bevölkerungswachstum, Ernährungsproblematik, Lebensraumzerstörung, Rohstoffe und Ressourcen.

Die Schlussfolgerung: Wenn die gegenwärtige Zunahme der Weltbevölkerung, der Industrialisierung, der Umweltverschmutzung, der Nahrungsmittelproduktion und der Ausbeutung der natürlichen Ressourcen unverändert anhält, werden die absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde im Laufe der nächsten hundert Jahre erreicht. Der Unterschied zwischen den Prophezeiungen des Nostradamus und den Szenarien des Dennis Meadows liegt wohl vor allem in der Sprache. Meadows benutzt Computer, arbeitet in den Laboren des US Energieministeriums, studierte in Harvard Management, wurde dort Direktor des MIT und lehrte als Professor für Management, Ingenieur- und Sozialwissenschaft. Meadows redet in der Sprache der neuen Zeit ohne Katholizismus, ohne Sternguckerei und ohne einen Zweifel an seiner fachlichen Kompetenz – an seiner Datenbasis, ja da gibt es Kritik, aber an seiner Kompetenz? Nein, das ist die Kompetenz des Wachstums, die Kompetenz der Effizienz, die Kompetenz der Freiheit im Blick von Oben!

Es gibt keinen Zweifel an der fachlichen Kompetenz. – Es gibt Zweifel an den Strategien. An den Strategien, die so schön klingen und die so viele Zweifel zu lassen. So viele Zweifel, denn die Strategie ist der Mensch selbst!!

Immanuel Kant sagt: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne die Leistung eines Anderen zu bedienen.“

Aufklärung?! Wenn ich das schon höre…! Der Glaube an die Kraft der menschlichen Vernunft… pfhh… da kann mir einer sagen, was er will, wenn an einem Freitag, den 13. eine schwarze Katze unter einer Leiter umherschleicht und morgens bereits der Salzstreuer umgefallen ist, dann… dann ist Vorsicht angesagt… da gibt es keinen Zweifel! Es ist wie es ist!

Ulrich Brand sagt 2012: „Das ist alles richtig. Und doch gilt es zu berücksichtigen, dass zum einen die sozialen Herrschaftsverhältnisse im Bewusstsein der solcher Herrschaft Unterworfenen nicht als solche wahrgenommen werden, sondern als stummer Zwang anonymer Verhältnisse, als kaum zu steuernde Prozesse von technischen Fortschritt und globalem Markt, von Produktivismus und Globalisierung. Mit anderen Worten: Die meisten Menschen erleben ihren Alltag als wenig handlungsfähige Individuen – allen neuen Managementmethoden und Verantwortungsübertragungen zum Trotz.“ (Wachstum und Herrschaft – Essay. In: Politik und Zeitgeschichte 2012, Wohlstand ohne Wachstum?)

Was nützt denn auch all das Wissen? Was nützen all die Worte um komplexe Probleme, wenn das Ergebnis die Schockstarre ist? Der moderne Mensch lebt nur noch in seiner Vergangenheit und da gab es Lösungen…
…vor Ausbruch des ersten Weltkrieges gab es nicht wenige, die den Krieg herbeisehnten, weil es anschließend, also nach dem Krieg vielleicht besser gehe… mit der Wirtschaft… mit der Politik, dem Staat und mit allem… das war eine Erfahrung: nach dem Krieg war meistens alles…. vieles besser …. zumindest manches!

Chandran Nair sagt: „Die Aufregung im Jahr 2011 und die Finanzkrise von 2008 entwickelten sich aus dem geradezu religiösen Glauben des Westens an den freien Markt, einem Glauben, der die globalen Finanzmärkte seit 30 Jahren beherrscht. Der hartnäckig aufrechterhaltene Glaube, dass Märkte, Technik und Finanzwesen in Verbindung mit Demokratie jedermann erdenkliche Freiheit bieten und alle Probleme auf der Welt lösen können, muss nun, gelinde gesagt, neu überdacht werden.“ (In: Jorgen Randers (Hrsg.): 2052 – Der neue Bericht an den Club of Rome. Seite 45.)

Der Vortragende hat sich hinter seinem Rednerpult zurückgezogen und scheint entschlossen, die Wirkung des Bühnenraums zu ignorieren. Er doziert über die Grundlagen des Wachstums, über die historischen Veränderungen und Dringlichkeiten, die er aus einer verallgemeinernden Perspektive heraus für zwingend und unumstößlich hält.

der vortragende
… haben Perspektiven und Zeithorizonte, die auf etwas fokussieren, dass wir vorher nur zum Selbsterhalt kannten. Während die Arbeiter mit dem Revolutionswillen eine bessere Welt für sich und ihre Kinder schaffen wollten, sourcen die Nachkriegsmenschen ihre Ängste aus: Die Kinder sollen es richten, die Enkel, alle Anderen. Ein merkwürdiger Riss geht durch die Gesellschaft. Die Welt besser zu machen. Verantwortung für die Umwelt, für die 5 Aspekte des Club of Rome Berichtes: Industrialisierung, Bevölkerungswachstum, Ernährungsproblematik, Lebensraumzerstörung, Rohstoffe und Ressourcen übernehmen, das soll die nachfolgende Generation machen. Seit Generationen sollen die nachfolgenden die Verantwortung übernehmen….
Wachstum scheint eben doch auch der einzige Ausweg zu sein… Das einzige Modell, das wir im Kopf und im Körper haben, wenn wir über Entwicklung und Fortbestand nachdenken… dabei ist das Wir dreimal Unterstrichen und Blinkt und wird I C H buchstabiert!
Die Grundprinzipien der Ökonomie sind klar: Nimm Produktionsmittel, pack die zusammen und mache etwas daraus. Versuche, dein wirtschaftliches Ziel zu erreichen. Was wir daraus machen, wird von dem bestimmt, was wir wissen. Und wenn das Wissen wächst, dann wächst auch die Möglichkeit etwas daraus zu machen.

Wird sich das Wachstum also beschleunigen? Wird es ungebremst explodieren? Wie wird es aussehen?

Der Vortragende löst sich von seinem Pult, holt einen Besen hinter dem Vorhang hervor und fegt die Bühne nicht ohne vorher sein Sakko auszuziehen und es sorgsam über das Pult zu legen. Zuschauerraum und Bühne sind hell erleuchtet und eine melancholische Tristesse legt sich über alles. Auf der Leinwand ist eine Ausschusssitzung der Enquete Kommission des Deutschen Bundestages zu sehen: Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität unter Leitung von Daniela Kolbe: Ein spärlich besetzter Sitzungssaal, in dem unterschiedliche Personen ohne jede Dynamik aus Projektgruppen berichten.

Sehr vereehrte Damen und Herren, wir machen nun dramaturgisch bedingt eine kurze Pause: Bitte Musik!
Curtis Mayfield: Move on up // Gossip: Move in the Right Direction // Janis Joplin: Move over // The Specials: Ghosttown // The Housemartins: Think for a Minute // Simply Red: Come to my aid // The Blow Monkeys: It doesn’t have to be this way // The Bee Gees: World // The Prodigy: World’s on fire // Louis Armstrong: Wonderful World // Talking Heads: Road to Nowhere // Gil Scott Heron: The Revolution will not been televised // The Style Council: Strength of yout Nature // Neil Young: Who’s gonna stand up // Ian Brown: Save us // The Clash: Lost in the Supermarket // The Temptations: Mother Nature // Gänsehaut: Karl der Käfer // Umse: Life is to short // Saltatio Mortis: Wachstum über alles // The Who: My Generation // Ernie Hines: Our Generation // Napalm Death: Stunt your Growth  // Babylon: Tschernobyl //

Nis Kötting, Ruth Marie Krüger und Andreas Grötzingerdie zuhörenden
Wachsdrüsen, Wachsenburg, Wachsfarben, Wachsmalkreide, Wachsfigurenkabinett, Wachsfresser, Wachsgießen, Wachshaut, Wachsmann, Wachsmotten, Wachspalmen, Wachspapier, Wachsperlen, Wachsrose, Wachsschildläuse, Wachstafel, Wachstum.. Wachstumsaktien, Wachstumsanomalie, Wachstumsbeschleunigung, Wachstumsbewegungen, Wachstumsfaktoren, Wachstumsfiguren, Wachstumshormone, Wachstumsindutrie, Wachstumskurve, Wachstumspolitik, Wachstumsrate, Wachstumsregulatoren, Wachstumsstörungen, Wachstumstheorie….

Robert Menasse (2006): „Erstmals wurde Zukunft dekonstruiert: Immer ist sie eine politische und soziale Kategorie gewesen – nun wurde sie zu einer Kategorie der Dingwelt. Zukunft zerfiel in die schlechte Unendlichkeit unserer Gegenstände und Perspektiven. Die Zukunft, die uns heute angeboten wird, ist der Rasierapparat der Zukunft, das Auto der Zukunft, das Handy der Zukunft…!“ Die Zerstörung der Welt als Wille und Vorstellung. Seite 66

Dieser… Dieser sozialromantische Treibsand… Meine Güte… die Melancholie ist die Schwester der Langeweile, sagt man… oder nein… die Larmoyanz ist der eitle Bruder des Malkontentismus… ja, das ist es … genau das ist es…

Robert Menasse (2009): „Ich sah Flüsse, die so intensiv blau oder grün waren, oder rosa oder lila oder orange, je nachdem, welche Farben die T-Shirts hatten, die in den Fabriken an den Ufern dieser Flüsse gerade produziert wurden. Und ich sah die […] sonnengelben und himmelblauen Plastiktüten und goldenen und silbernen Aludosen, die glänzenden elfenbein- und anthrazitfarbenen und grell- oder hellroten Teile von Haushaltsgeräten oder Autokarosserien, die in diesem Farbenwunderland schwammen – ich sah das der Tod farbenfroh ist.“ Permanente Revolution der Begriffe. Seite 47

Ja…die Larmoyanz ist der eitle Bruder des Malkontentismus… das ist ein Kreislauf… ein Kreislauf, der Dir aber nicht hilft! Erfolg und Verantwortung! Das ist erstrebenswert: Wenn jeder vor seiner eigenen Tür kehren würde, dann wäre die ganze Welt sauber… Das ist das Geheimnis des Erfolges…

Secrets to Success? Kannst ja mal die Färberinnen in Asien fragen… Entschuldigen Sie: What are your secrets to suceess…?

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 17. 09. 2014: „Trotz wirtschaftlicher Schwierigkeiten und politischer Unruhen ist die Zahl der Milliardäre […] auf die Rekordzahl von 2325 Personen gestiegen.

Diese kontrollieren 4% des globalen Reichtums. Das akkumulierte Vermögen der Superreichen stieg um 12% auf 7,3 Billionen Dollar.“

7,3 Billionen Dollar sind mehr als das Bruttoinlandsprodukt von Deutschland, Frankreich und Südkorea zusammen oder mehr als das 11-fache Bruttoinlandsprodukt der Schweiz oder das 4 fache von Indien oder das 15-fache von Argentinien…

Jean Ziegler schreibt: „Ein Drittel aller in Indien geborenen Kinder sind untergewichtig, was darauf schließen lässt, das auch ihre Mütter stark unterernährt sind. Jedes Jahr erleiden dort Millionen Säuglinge infolge von Unterernährung irreparable Hirnschäden, und weitere Millionen Kinder unter zwei Jahren verhungern.“

Alles Fakten. Ja, Ja, alles Fakten. Aber die Fakten, die Dich betreffen… das sind andere: Jedes Jahr sterben mehr Menschen an Selbstmord, als an Mord oder im Krieg… Stell Dir das mal vor! Du brauchst nur vor die Tür zu gehen, in die Gesichter der Leute oder in den Spiegel zu schauen und du siehst was das alles mit uns macht!

Das ist aber Jammern…

Ja, das ist Jammern… jammern ohne Quellenangabe und …

…was UND?

Wir können nichts tun…

Der Vortragende hat mit dem Fegen aufgehört und nachdem er einen schier endlosen Augenblick die Bilder der Ausschussitzung der Enquete Kommission betrachtete und dabei dem Publikum den Rücken zuwandte, scheint er sich nun wieder gefangen zu haben. Ohne Sakko und ohne Krawatte aber mit Hosenträgern holt er den Plattenwagen mit der bereitstehenden Tafel hervor, stoppt die Projektion mit einem Handzeichen und macht einen neune, kontrollierteren Anlauf.

der vortragende
Reden wir aber pragmatisch, Reden wir über Handlungsmöglichkeiten und etwaige Vorstellungen davon und gehen davon aus, dass wir die Fakten ernstnehmen:

Deshalb eben genau an dieser Stelle kurze Schlaglichter auf das, was man gerne und immer wieder die Post-Wachstumsdebatte nennt: Da wäre Tim Jackson mit seinem viel diskutierten Buch Wirtschaft ohne Wachstum.

Er fragt in diesem Buch wie in einer Welt mit hohem Bevölkerungswachstum und begrenzten Ressourcen Wohlstand beschaffen sein soll. Da geht es um das gute Leben, den Zusammenhalt der Gesellschaft, Wohlbefinden und um die Reduzierung materieller Umweltbelastungen. Jackson vertraut dabei nicht auf wirtschaftliches Wachstum oder technologische Lösungen, sondern auf politische Rahmenbedingungen, die gesetzt werden müssen: ökologische Steuerreform, Obergrenzen für den Verbauch von Ressourcen, Verkürzung der Lohnarbeitszeit, Abbau von Ungleichheit, Stärkung des Sozialkapitals.

Ein zweiter Strang der Postwachstums-Debatte rankt sich um die Glücksforschung, die die These vertritt, dass ab einem bestimmten Punkt die Höhe des Einkommens kaum mehr mit wachsender Lebenszufriedenheit verbunden ist. Wirtschaftswachstum war lange Zeit die treibende Kraft für Fortschritt und Glück, hätte sich aber in den reichen Ländern weitestgehend erschöpft.

Gerne wird in diesem Zusammenhang auf Buthan verwiesen, das in den offiziellen Glücksindizes immer die Top-Plätze belegt, aber kaum wirtschaftliches Wachstum aufweist. Hier geht es also um die Menschen, die sich einen anderen Blick auf Gesellschaft aneignen müssen, um überhaupt ein breiteres Verständnis von Lebensqualität zu entwickeln.

Der 3. Strang fasst beide Perspektiven zusammen und fokussiert dabei auf die strukturelle Verfasstheit einer Ökonomie, die über ihre Verhältnisse lebt und vermittelt durch Zinsen und Kredite fortwährend Abhängigkeiten schafft, die zum Wachstum zwingen. Die Botschaft hier: Senkung des Ressourcenverbrauchs, Senkung der industriellen Produktion – kulturelle Veränderung durch kreative Subsistenz, soll heissen Eigenproduktion, Gemeinschaftsnutzung, längere Nutzungsdauer, lokale Produktion, kürzere Produktionsketten usw.

die zuhörenden
Wir können nichts tun…

…die fehlende Verbindung von Wissen und Handeln…

Wir können nichts tun… bis….

Die Dreigliederung menschlichen Dasein nach Hannah Arendt: Arbeiten – Herstellen – Handeln.

wir konnten nichts tun… bis sich jeder entschied, wirklich jeder entschied ein Held zu sein…

… Du meinst ein…

Ja: ein Real Life Superheroe

Real-Life Superheroes. Lange habe ich das für einen Witz gehalten, aber es gibt sie wirklich?

Ja, rund um den Globus kämpfen maskierte Gestalten in – meist engen – Kostümen dafür, die Welt ein bisschen besser zu machen.

Woher kommt diese – ja kann man das so sagen: Bewegung?

Die Wurzeln der Bewegung reichen bis weit zurück in die siebziger Jahre.

Wie muss man sich diese Wurzeln vorstellen?

Von der kugelsicheren Panzerung eines heute agierenden Phoenix Jones, dessen Pfefferspray-Kanone und dem Elektroschockstab war ein Richard Pesta meilenweit entfernt.
Als er Anfang der siebziger Jahre durch San Diego zog, bestand seine Ausrüstung nur aus blauen Leggings, goldenem Umhang und einem Pulli mit einem goldenen „S“, der über seinem stattlichen Bauch ein bisschen spannte. Immerhin: Eine Erdnussbutter-Bazooka, hatte Pesta sich gebaut.

Und was tat er und vor allem warum?

Pesta sagte in einem Interview „Wenn ich einen Nadelstreifenanzug tragen würde, während ich den Unterdrückten helfe, hätte ich keine Wirkung. Im Kostüm kann ich mir sicher sein dass ich nicht ignoriert werde.“

Aber was tat er konkret?

Mal zwang er als Captain Sticky ein Pflegeheim, zu Missbrauchsvorwürfen seiner Patienten Stellung zu nehmen, mal trat er auf wohltätigen Veranstaltungen und immer wieder prangerte er öffentliche Probleme an.

Gibt es noch weitere „Väter“ dieser Real-Life-Superheroes.

Ja, unzählige. Ein weiterer früher Prototyp war der Biologielehrer Jim Phillips aus Aurora, Illinois. Seit 1969 machte er als The Fox Jagd auf Umweltsünder. Mit Trenchcoat, Pelzhut und Sonnenbrille verwandelte der Lehrer sich in The Fox, ruderte nachts den Fluss hinunter und verstopfte die Abflussrohre von Fabriken. Er brach in Firmengebäude ein und kippte Industrieabfälle auf den Teppich. Bevorzugt aber legte er immer wieder Firmeninhabern tote Stinktiere vor die Tür: „Wahrscheinlich bin ich der einzige Mensch in Nordamerika, der überfahrene Skunks als natürlichen Rohstoff betrachtet“, so Phillips 1999.

Das klingt nach einer frühen kriminellen Form, des Umweltaktivismus?

Vielleicht! Phillips nahm selber dazu Stellung in dem er Die Frage stellte, gegen welches Gesetz er verstoßen habe. „Das der Menschheit? Vielleicht. Das Gesetz der Natur? Niemals.“

Im Online-Branchenbuch der Real-Life-Superheroes, worldsuperheroregistry.com sind zurzeit über 200 echte Superhelden registriert und 140 Heldenanwärter eintragen…

Phoenix Jones, Purple Reign, Thanatos, Crimson Fist, Nyx, Master Legend, Razor Hawk, Phantom Zero, Geist, Motor Mouth, Citizen Prime, Angle-Grinder Man, Captain Ozone, …

Die Bühne verdunkelt sich unmerklich aber stetig. Die Lichtpunkte von Discokugeln wandern über Wände, Decke und Boden des Raumes. Die Projektionsfläche wird von hinten leicht beleuchtet und man sieht die Schatten der Hinterbühne. Der Vortragende hat einiges an scheinbarer Souveränität eingebüßt und wirkt abwesend. Sein Blick richtet sich über die Köpfe des Publikums hinweg in ein dunkes Nichts.

der vortragende
Das Wirtschaftswachstum reproduziert fortwährend die gesellschaftlichen Verhältnisse in denen Chancen, Spielräume, Vermögen und Einkommen ungleich verteilt sind, aber zumindest kulturindustriell als durchlässig verkauft werden. Die Sehnsucht etwas Besonderes zu sein, die Sehnsucht The Lucky One zu sein, diese Sehnsucht begleitet uns und wir säen unsere Leistung und unsere Kompetenz und wir ernten so gerne… manchmal reicht auch schon der Glaube, die Vorstellung, wir könnten irgendwann ernten… das reicht…
Unsere Identität ernährt sich derweil von den Bildern der anderen, den unhintergehbaren Verlierern dieser Welt, die an den Zäunen um Einlass betteln. Mit aristokratischem Großmut applaudieren wir unseren letzten menschlichen Zügen und erwarten wenigstens ein bisschen Dankbarkeit, wenn wir die Pfandflasche neben den Mülleimer stellen.
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Die Wut bahnt sich den Weg, die Wut… wir erinnern uns daran das die einzige Strategie der Mensch selbst ist, wir selbst… sind die einzige Strategie… und dann kommen uns unsere ganzen Grenzen zu Bewusstsein…und die Erkenntnis das die Grenzen echt sind…, dass wir selbst die Grenze sind… das ich die Grenze bin…. //Meine Abscheu den Müll runter zu bringen / Meine Angst vor dem Neuen / Mein Ankommenwollen / Meine Arbeit / Meine geteilte Aufmerksamkeit // Meine Begrenztheit / Meine Beratungsresistenz / Meine Berührungslosigkeit / Mein Bürgerkrieg / Meine Bürgerlichkeit // Meine Charmanz / Meine Chimären / Meine Chöre / Mein Chaos // Meine Demut / Meine Depressionen / Meine gefühlte Dickheit / Meine Differenzfixierung // Meine Egozentrik / Meine Eitelkeit / Meine Empathiefähigkeit / Meine Empathieunfähigkeit / Meine Ergriffenheit //Meine Faulheit / Meine Fraglosigkeit / Mein Freiheitshass / Meine Frustrationstoleranz //Meine Gefühle / Meine Gutmütigkeit / Mein Nicht-Genug-Sein wollen, können, dürfen //Mein Hass / Meine Hemmungen / Meine Heimat / Meine Hermetik // Meine Intuition / Mein Intellekt // Mein Ja-sagen / Mein // Meine Karriere / Meine Kompetenz / Mein Körper // Meine Liebe / Meine Larmoyanz / Meine Launen / Meine Lustlosigkeit // Meine Meinung / Meine Mutlosigkeit / Meine Mystifizierungen // Mein Name / Meine Nation // Meine Organisation / Meine Organe / Meine Orientierungslosigkeit // Mein Politikverständnis / Meine Polizeipsychose // Meine Quantitäten / Meine Qualitäten // Mein Respekt / Meine Revolutionssehnsucht / Meine Reglosigkeit / Meine Ruhelosigkeit / Meine Romantik // Meine Schlafstörungen / Meine Sozialphobien / Meine Sehnsüchte / Meine Starköpfigkeit // Mein Titel / Meine Todessehnsucht / Meine Talentlosigkeit / Meine Trauer // Meine Unverbindlichkeit / Meine Unklarheit / Meine Überinterpretationen // Meine Verkrampfung / Meine Verletzungen / Meine Verschwörungstheorien // Meine Wehleidigkeit / Meine Wut / Mein Wollen // Meine Xenophobie // Meine Youtube-Gläubigkeit // Meine Zähne / Meine Ziele / Mein Zorn

 

Dr.C’s Konversationslexikon: W wie Wachstum von Armin Chodzinski und Nis Kötting. Es sprachen Armin Chodzinski, Andreas Grötzinger, Ruth Maria Kröger, Iris Minich. Redaktion: Walter Filz. Eine Produktion des Südwest Rundfunk 2015. Quellenangaben und weiterführende Links finden Sie unter www.drc-conversationslexikon.de. Viel Vergnügen und bis zum nächsten Mal, wenn es wieder heißt: Herzlich Willkommen!

Hallo

N’abend!

Ach, hallo…

Ja, hallo…

Du hier? Ich dachte Du hättest heute Deine…

Genau, mit Dir habe ich hier gar nich gerechnet!

Ja… das war aber schon…

Und wie ist gelaufen… erzähl mal

Ich bestelle mal eben was…

Ok.

Wie Ok? Worum ging es noch mal…

Darum das alles irgendwann ein Ende hat und um Pflanzen…

Ach, schade…

Ja, schade, wir wollten eigentlich unbedingt kommen und Pflanzen das hätte mich echt interessiert…

Und wie fanden die Leute das?

War gut besucht?

Am Ende waren viele ganz schön bedrückt und einige haben angefangen diesen Knderreim zu skandieren… das war gespenstisch…

Welchen Kinderreim…

Welchen Denn?

Ich esse meine Suppe nicht, meine Suppe ess ich nicht…

Lustig…

Ja, Lustig….