S wie Schulden


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Skript / Verweise / Material

Der Pate. / Francis Ford Coppola. 1972.

die zuhörenden
Don Corleone macht Vorschläge, die man nicht ablehnen kann und möchte doch nur Freundschaft.

Die Familie als enges Netz von gegenseitigen Verpflichtungen…

…die nicht Ausgleichbar sind, sondern immer wieder neue Gefälligkeiten notwendig machen..

Eine Schuldbank. Freundschaft ist der Name für ein Konto auf das man stetig einzahlt…

…und dessen Zinsen heißen: Loyalität!

Komm schalt um…

Dr. C’s Conversationslexikon. Heute: S wie Schulden. Eine Radiofeature mit und ohne Publikum von Armin Chodzinski und Nis Kötting.

die zuhörenden
…das ist das Ende, oder?

Ja. Beide werden erschossen.

Easy Rider, 1969, Dennis Hopper und Peter Fonda

Das Ende der Suche nach Freiheit… Männer auf Motorrädern. Das Knattern der Motoren… die Suche… die Bewegung… der Wind in den Haaren und der endlose Horizont… und dann zwei Farmer in einem Pickup, die das Ganze mit der Flinte beenden…

David Graeber zufolge ist das sumerische Wort amagi, das Synonym für Schuldenfreiheit, das erste Wort für Freiheit in der menschlichen Sprache überhaupt.

Was?

94767-0_Graeber_Schulden.inddDavid Graeber, der Autor des Buches Schulden: Die ersten 5000 Jahre sagt, das das sumerische Wort amagi das erste Wort für Freiheit in der menschlichen Sprache überhaupt sei und ein Synonym für Schuldenfreiheit gewesen wäre.

Ja, Freiheit ist ohne Verpflichtung, ohne Bindung, ohne die Geschichten der Anderen und … ohne Rücksicht – Freiheit!

„Borgen macht Sorgen, drum soll man nicht mehr verzehren, als der Pflug kann ernähren!“ Christoph Lehmann, 1662

Genau, die die andauernd im ungewissen Morgen leben und dabei das heute vergessen, die … die sind geradezu abhängig von Schulden! Sie häufen Schulden an, um sich an dem Leben fest zu ketten, weil sie Angst… weil sie Angst vor der Freiheit haben!

Oder weil sie keinen Pflug haben…

Du kannst nicht für alles immer nur das Eine oder das Andere verantwortlich machen… du musst Dein Leben selbst in die Hand nehmen… Unabhängig sein… AMAGI

Mach aus und lass uns gehen…

„Schuld [altgermanische Bildung zu sollen] 1. Ethik: im allgemeinen Sinn das Ursachesein für ein Übel. Schuld im sittlichen Sinn setzt Verantwortlichkeit (Verantwortung)voraus. 2. Christliche Theologie: die durch Sünde bewirkte Zerstörung (Schmälerung) der Rechtfertigung. 3. Privatrecht: latein. Debitum, die auf Grund eines Schuldverhältnisses der Forderung des Gläubigers gegenüberstehende Verpflichtung des Schuldners zu einer Leistung (Tun oder Unterlassen) 4. Strafrecht: die Vorwerfbarkeit der Willensbildung des Täters (Verschulden).“ Brockhaus, 17. Aufl., 1974, Band 17, Seite 47

11RQMRTSWEL._BO1,204,203,200_Normann: Das kleine Wirtschaftslexikon (1999): „Zu den interessantesten Themen der Ökonomie gehören die Fragen: 1. Wann und 2. in welchem Umfang lohnt es sich Schulden zu machen? Die erste Frage beantwortet der Experte vielleicht so: Nach dem Nominalwertprinzip wäre es oft konsequent, in der Inflation Kredite aufzunehmen; auf jeden Fall ist jedoch auch in dieser Situation immer Vorsicht geboten. Was mengenmäßig im Einzelfall an Schulden möglich ist, müssten die Fachleute eines soliden Kreditinstitutes prinzipiell bestens beurteilen können. Die Gefahr, dass es trotz des Rates oder sogar durch Empfehlung von Experten zur Überschuldung kommt ist allerdings selten ganz von der Hand zu weisen. Ein Kreditinstitut lebt nicht zuletzt von Krediten.“

Es könnte durchaus mehr Publikum anwesend sein. Der Raum wirkt aber dennoch… gefüllt. Vorn, fast am Bühnenrand eine Treppe, eher eine große Leiter mit Rollen, die der Vortragende – Blauer Anzug, Gelbes Hemd,– etwas ungelenk herabsteigt, um das Publikum zu begrüßen.

der vortragende
Meine Damen und Herren, „Was ich bin, dir schuld’ ich es nur“. S wie Schulden. Die Schuld, die Schulden – die Verpflichtung zu einer Leistung, die Verpflichtung zu einer Zahlung… Das Sollen. (vgl. PAUL).
Aus dem Sollen, aus der Verpflichtung im miteinander gebiert sich die Schuld als moralische Instanz. Denn am Anfang war das Wort und mit dem Wort kam die Schuld, die Verpflichtung unserem Dasein eine Leistung abzuverlangen, eine Leistung – Die Fähigkeit dazu verdanken wir … und zur Nutzung sind wir verpflichtet… Wem? Einem Gott? Unserem Nachbarn? Dem Herrn? Der Königin? Oder dem Kind, an dessen Existenz die Eltern die Schuld tragen? Der Handel, die Einführung des Anonymen in unsere Beziehungen und das Ende der Leibeigenschaft machte es uns möglich der Schuld, der Verpflichtung zusehends die Moral zu entziehen – und Schulden als etwas Natürliches zu verstehen! Vereinzelt schlossen wir Frieden mit unserer eigenen Schuld, in dem wir die Schuld aller anerkannten, in dem wir Wahrnahmen das die Schuld zunächst gerecht verteilt ist … am Anfang ist das Wort und die Schuld ist gerecht verteilt … die Verpflichtung zu einer Leistung, die Verpflichtung zu einer Zahlung ist der tiefe Kern des Gemeinsamen, die Geburt der Gemeinschaft, die Praxis der Abhängigkeit … zumindest bis Satan auf den Plan trat und die Schuld mit der Metaphysik verband…..

die zuhörenden
Es gibt mehr Menschen bei denen ich noch was gut habe, als Leute denen ich etwas schuldig geblieben wäre. Die Träumer…

Wikipedia-Eintrag zum Begriff Schulden: „Im Jahr 2010 lag die durchschnittliche Schuldenlast der überschuldeten Personen bei 34.314,– Euro. Als Ursachen für die Überschuldung werden Arbeitslosigkeit (28,5 %), Schicksalsschläge (14 %), Erkrankungen, Sucht und Unfälle (11,1 %) und unwirtschaftliche Haushaltsführung (10,2 %) genannt.“

Es ist genau soviel Wert 1 Million Schulden zu haben, wie 1 Million Guthaben… in beiden Fällen ist dein Adressbuch voll und du wirst oder wurdest auf viele Geburtstage eingeladen…

Wikipedia-Eintrag zum Begriff Schulden: „Insbesondere in einer Hochzinsphase und/oder konjunkturellen Schwächephasen können Schulden zu einer Schuldenlast, einem Schuldenberg und schließlich zu einer unkontrollierbaren Schuldenfalle anwachsen, die einer Schuldenbremse bedarf.“

Ich lass mir ja nicht mal gerne etwas schenken… mir ist das immer unangenehm… eigentlich finde ich Geschenke irgendwie… dreist! Ein Geschenk ist die Investition in meine zukünftige Dankbarkeit – ich lehne das ab! Ich lehne ab, dankbar zu sein!

Lessing_222Gotthold Epharim Lessing (1767): „Nicht genug also, dass der Unglückliche, mit dem wir Mitleiden haben sollen, sein Unglück nicht verdiene, ob er es sich schon durch irgend eine Schwachheit zugezogen: seine gequälte Unschuld, oder vielmehr seine zu hart heimgesuchte Schuld sei für uns verloren, sei nicht vermögend, unser Mitleid zu erregen, wenn wir keine Möglichkeit sähen, dass uns sein Leiden auch treffen könne. Diese Möglichkeit finde ich alsdann, und könne zu einer großen Wahrscheinlichkeit erwachsen, wenn ihn der Dichter nicht schlimmer mache, als wir gemeiniglich zu sein pflegen, wenn er ihn vollkommen so denken und handeln lasse, als wir in seinen Umständen würden gedacht und gehandelt haben, oder wenigstens glauben, dass wir hätten denken und handeln müssen; kurz, wenn er ihn mit uns von gleichem Schrot und Korne schildere.“Hamburgische Dramaturgie, Leipzig 1972

 

Der Vortragende selbst rollt einen Plattenwagen hinein auf dem eine ca. 250 cm breite Tafel steht. Er hat sich umgezogen: Lachsfarbener Zweireiher, dunkelrote Wildlederschuhe, Weisses Hemd, Blaue Krawatte, rotes Einstecktuch. Immer wieder lächelt er ins Publikum und sein Blick fixiert – wie einstudiert – die eine oder andere Person. Das Manusskript auf dem Notenständer. Die gesamte Bühnenrückseite eine einzige Projektionsfläche – auf der fortwährend changierenden Farbfläche steht in großen Lettern das Wort SCHULDEN.

der vortragende
1.556 Euro pro Sekunde. 93.360 Euro pro Minute. 5.601.600 Euro pro Stunde. Wir haben keine Zeit zu verlieren, denn die Zeit ist in unseren Tagen nicht nur im übertragenden Sinne – sondern ganz konkret – kostbar. In jeder Sekunde steigt die Staatsverschuldung in Deutschland um 1.556 Euro pro Sekunde. In jeder Sekunde geraten wir tiefer in den Strudel der Schuld… immer tiefer, immer schneller!
Nichts desto trotz: Wir nehmen uns die Zeit! Herzlich Willkommen, Guten Abend meine Damen und Herren: S wie Schulden!
Wenn wir über Schulden sprechen, uns dem Begriff nähern wollen, dann begeben wir uns auf einen wilden Ritt, denn alles in und um das Wort Schulden ist eng verwoben mit… genau: dem Maßstab, der Skalierung und also: der Perspektive!
Klar, fast alles ist eine Frage des Maßstabs und der Skalierung aber wohl kaum ein Begriff ist uns gleichzeitig so nah wie fern, so konkret wie abstrakt, so essentiell wie egal, so aktuell wie historisch… Ganz entscheidend ist die Klärung der grundsätzlichen Perspektive: Meinen wir Schulden als ökonomischen Begriff, als fiskalische Bedingung, als moralische Kategorie, als Notwendigkeit, als in die zukunftweisende Möglichkeit, als psychische Krankheit oder ganz anders?
Nicht ohne einen fast anarchischen Humor – vom Abstrakten ins Konkrete und wieder zurück oder Franz Josef Strauss

Franz Josef Strauss füllt süffisant drein schauend den ganzen Raum. Die Schwarz-Weiss Bilder beschwören die rhetorische Kunstfertigkeit der Bonner Republik und so macht sich eine lächelnde Wehmut in den Gesichtern der Anwesenden breit. Ähnlich der Vortragender der um Gewichtigkeit und Souveränität bemüht fortfährt, um direkt moralisch zu werden. Sehr langsam wird das Standbild von Strauss überblendet und ein Friedhofsszenario, eine Beerdigung kommt zum Vorschein.

der vortragende
Der Schuldenzuwachs, der hier in unterschiedlichen Maßstäblichkeiten durchdekliniert wird ist im Verhältnis zu dem heutigen fast niedlich: bezieht sich Strauss auf einen Gesamt-Summe von ca. 130 Milliarden Euro Schulden und einen Zuwachs von 16 Mrd Euro bzw. 35 Mrd D-Mark, müssten wir heute in anderen Dimensionen rechnen: ca. 2.100 Mrd Euro Gesamt-Staatsschulden also das 20 fache – ungefähr… ist aber auch: genau! Es ist egal! Für unseren Alltag ist das zunächst einmal völlig egal! Die ganzen Ahh’s und Ohh’s die in ihren Köpfen umherschwirren sind egal, sie haben kaum Auswirkungen auf ihr tägliches Handeln. Die gute Nachricht ist: Sie können diese Tatsachen ignorieren, weil es keine Maßstäblichkeit gibt, die diese Schulden in ihre fühlbare Realität übersetzen: Die 4 Euro 35, die ich der Kioskbesitzerin noch schulde sind dabei genauso irrelevant, wie die 120.000 Euro die Sie sich bei der Bank für eine Wohnung geliehen haben oder die 3000 Euro für eine neue Polstergarnitur. Selbst wenn es eine direkte Verbindung gäbe würde es keine handhabbare Skalierung geben, die das Gemeinsame abbilden, keinen Maßstab der beides gleichzeitig sichtbar machen könnte: Buxtehude zum Beispiel, ist auf einem Globus nur sehr schwer genau einzuzeichnen!

Das Friedhofsstandbild wird zum Film und der Vortragende senkt pathetisch den Kopf, faltet die Hände und bewegt sich nicht.

Verwirrend, oder? 1994 wurde das Wort Peanuts zum Unwort des Jahres gewählt, weil der damalige Deutsche Bank Vorstandssprecher Hilmar Kopper eine Schadensumme von 50 Millionen DM so bezeichnete. Eine Frage des Maßstabs und der Skalierung…

die zuhörenden
Schuld, Schuldanerkenntnis, Schuldausschließungsgründe, Schuldbeitritt, Schuldbrief, Schuldbuch, Schuldenabkommen, Schuldenmasse, Schuldenruf, Schuldgrundsatz, Schuldhaft, Schuldkapitel, Schuldner, Schuldnerverzeichnis, Schuldnerverzug, Schuldorf, Schuldramen, Schuldrecht, Schuldschein, Schuldtitel, Schuldübernahme, Schuldumwandlung, Schuldverhältnis, Schuldverschreibung, Schuldwechselkonto, Schule!

Wieder zurück im Vortrfagsraum: Der Raum verdunkelt sich. Überall wandernde Lichtpunkte, die Projektionsfläche zeigt psychedelisch anmutenden Farbflächen, die ineinander und auseinander laufen. Von den Seiten schweben langsam einige Luftballons auf die Bühne. Dazwischen der Vortragende über die Bühne tigernd, im halbdunkel, mit gelöster Krawatte und Handmikrofon.

der vortragende
Es gibt kein Datum. Es gibt keinen Punkt. Es gibt noch nicht mal ein echtes Ereignis. In den alten Texten steht es geschrieben:

„Durch die Geburt wird jedes Wesen als eine Schuld gegenüber den Göttern, den Heiligen, den Vätern und den Menschen geboren. Wenn man ein Opfer bringt, dann weil man den Göttern von Geburt an etwas schuldet… Wenn man einen heiligen Text rezitiert, dann weil man den Heiligen etwas schuldet… Wenn man Nachkommen wünscht, dann wegen der Schuld gegenüber den Vätern von Geburt an… Und wenn man Gastfreundschaft schenkt, dann weil man den Menschen etwas schuldet…“ (Sathapa Brahmana 1.7.12, 1-6 . Zit. n.: David GRAEBER (2012): Schulden – Die ersten 5000 Jahre. Seite 49

An die Stelle der Götter trat die Gesellschaft! Aber was ist die Gesellschaft? Woher kann ich wissen zu welcher Gesellschaft ich gehöre, warum muss ich es wissen?

Mit der Gesellschaft kam der Staat und mit dem Staat der Markt und die Vorstellung das der Staat ohne den Markt nicht zu denken wäre und der Markt ist nicht ohne den Tausch zu denken und der Tausch nicht ohne Ausgeglichenheit und auch nicht ohne den Kredit und der Kredit nicht ohne das Geld. Die Unbegreiflichkeit unserer Existenz suchte sich allerlei Wege um eben dieser Unbegreiflichkeit – wenn nicht Dankbarkeit, dann zumindest Schuld entgegen zu setzen!! Nach und nach weiteten wir die Schuld aus und wandten sie auf alle sozialen Verpflichtungen an: Die Rechenmaschinen und die Registrierkassen maßen unsere Schuld, fanden Quantifizierungen und schufen justitiable Kategorien:

An die Stelle der Götter trat das Gesetzt. Aber was ist das Gesetz? Woher weiss ich welchem Gesetzt ich folgen muss und warum muss ich es wissen?

Aus der Schuld wurden die Schulden und aus der Metaphysik gebar sich das Gesetz: Die Ideen des Adam Smith über den Wohlstand der Völker verbanden sich mit dem physikalischen Weltbild des Issac Newtons und wurden von einer unsichtbaren Hand begleitet… Mit dieser scheinbaren Gewissheit, mit den Zahlen und Preisen, mit dieser prosaischen Rationalität setz sich aber auch die Vorstellung fest, das die Schuld, die nun ja nur noch aus Schulden besteht, rückzahlbar wäre… das es definitorisch notwendig sei Schulden zu begleichen, seine Bilanz sauber zu halten, mit allem quitt zu sein… Wir müssen zwangsläufig für unseren Staat im Krieg sterben, um unsere Schulden zu begleichen? Wollen wir wirklich mit der ganzen Menschheit quitt sein? (vgl.: David GRAEBER (2012): Schulden. Seite 69f)

An die Stelle der Götter trat die ausgeglichene Bilanz. Aber was ist die ausgeglichene Bilanz? Woher soll ich wissen wann meine Bilanz ausgeglichen ist? Und warum muss ich es wissen?

Auf dem Fundament der Ungleichheit wird der Staat das Inkasso-Unternehmen der Götter…?
Wer von uns wird der Gläubiger des Andern, Und wer der Schuldner sein?

die zuhörenden

i127369Schiller.

Schiller.!?

2005-1_033a_Dom_KarlosFriedrich Schiller, Don Carlos: (1788): „Bedarfst Du meiner? Hast du Leidenschaften, // Die vom Throne betteln? Reizt dich Gold? // Du bist ein reicherer Unterthan, als ich // Ein König je sein werde. – Geizest Du // Nach Ehre? Schon als Jüngling hattest du // Ihr Maß erschöpft – du hast sie ausgeschlagen. // Wer von uns wird der Gläubiger des Anderen, // Und wer der Schuldner sein? – Du schweigst? Du zitterst // Vor der Versuchung? Nicht gewisser bist // Du Deiner selbst?“

Ja, Ja, Ja… Wer von uns wird der Gläubiger des Anderen, // Und wer der Schuldner sein? (zickig) Die Moral … Die Moral und die Vernunft und die Ethik und und und… Kann man nicht einmal auf die Sachen so blicken wie sie sind? Einmal! Wenn Du erwartest, dass das Leben immer fair zu dir ist, weil du fair bist – dann ist das… das ist doch, als würdest du erwarten, dass dich der Löwe nicht frisst, nur weil du ihn nicht frisst.

Michael Hüther, IW-Direktor zu Griechenland auf Deutschlandfunk

debt_david_graeber„Der Unterschied zwischen einer Schuld und einer rein moralischen Verpflichtung ist nicht die Anwesenheit oder Abwesenheit von bewaffneten Männern, die die Schuld durchsetzen können, indem sie den Besitz des Schuldners beschlagnahmen oder damit drohen, ihm die Beine zu brechen. Der Unterschied besteht einfach darin, dass der Gläubiger der Mittel besitzt, genau zu beziffern, wie viel ihm der Schuldner schuldet.“ schreibt David Graeber 2011.

„Während Bundesweit im vergangenen Jahr weniger Menschen eine Privatinsolvenz anmelden mussten stieg die Zahl der Betroffenen in der Altersgruppe ab 61 deutlich an. […] Die Hauptursache einer Privatinsolvenz im Alter sind den Angaben zufolge Krankheiten und die damit verbundenen Kosten oder eine gescheiterte Selbstständigkeit.“ SR Online, März 2015

Die Freiheit hat ihren Preis – das ist wie es ist und du musst den Preis zahlen, da führt kein Weg dran vorbei. Klar ist die Vorsicht die Mutter der Porzellankiste … und die Schwester der Sicherheit, aber es gibt Momente da muss das gute Porzellan auch mal durch die Luft fliegen, muss auf dem Pflaster der Strasse zerspringen und mit klirrendem Scheppern deine Lebensgeister wecken… Yeah… Freiheit… die wirkliche Freiheit kennt keine Rücksicht… nicht mal die auf sich selbst!

Und nun, sehr verehrte Hörerinnen und Hörer, eine kurz Pause: Bitte Musik!

Joy Fleming – Ich sing für’s Finanzamt / K.I.Z. – Tanz / Manuela – Schuld war nur der Bossa Nova / Lift – Deine Schulden / Eisenpimmel – Whole Lotta Schulden / BLUR – The Debt Collector / Black Tie Dynasty – Sure as Dept / Hellyeah – Debt that all men pay  / The Kinks – Sunny Afternoon / The Beatles – Taxmann / Kurt Weill – Lied des Lotterieagenten / Andy Revkin – Bills, Bills, Bills / Anthony Schaumann – Happiness Can’t pay the Bills  / The National – Bloodbuzz Ohio / Aloe Blacc – I need a Dollar / Frank Zappa – Can’t afford no shoes / Romain Virgo – No Money / Ben Lee – Debt Collectors / Oasis – Importance of being Idle / Walls of Jericho – Collecting on a Debt /

Danke. Der Vortragende hat sich nach einigen vergeblichen Anläufen wieder in der Rolle des Dozierenden gefunden. Auf der gut ausgeleuchteten Bühne erzeugen die noch vereinzelt umher fliegenden Ballons eine fast melancholische Stimmung. Gänzlich fremd wirkt da der Vortragende, der mit einem Stück Kreide in der Hand, die in der Mitte stehende Tafel umrundet, und seine Gedanken dem leicht überforderten Publikum zu Gehör bringt.

 der vortragende
… notwendig eine Sortierung vorzunehmen… eine Sortierung, die auf den ersten Blick sinnfällig ist, aber leider wenig mit der Wirklichkeit zu tun hat. Unterscheiden wir zwischen für’s erste zwischen moralischen und den ökonomischen Schulden. Eine Schuld von 1000 Euro bei einem Bekannten ist bezifferbar und dementsprechend auch begleichbar. Die Schuld die sich aus einer Übervorteilung, einem Vertrauensbruch oder einem Verbrechen ergibt ist nur schwerlich bezifferbar, dementsprechend auch kaum zu begleichen, wenn Gläubiger und Schuldner nicht durch z.B. eine Entschuldigung oder eine Verzeihung oder ein festzulegendes Äquivalent beschließen die Schuld als abgegolten bzw. ausgeglichen zu betrachten. Schadensersatz zum Beispiel oder Schmerzensgeld oder Strafzahlungen jedweder Art sind mehrheitlich Übersetzungen von moralischer in ökonomische Schuld. Bei moralischen Schulden werden wir aber meist kaum das Gefühl haben, dass sie beglichen wären… die Erinnerung bleibt und der Ausgleich, die Strafe, ist meist nicht viel mehr als ein Symbol, eine Markierung der Schuldfeststellung. Bei den Schulden genauso wie bei der Schuldfrage kommt der Justiz eine entscheidende Rolle zu, denn heutzutage ist das Recht die einzige und endgültige Instanz.
Ihren zweifelnden Blicken entnehme ich eine gewisse Skepsis und die ist sicher berechtigt, denn es ist ein Hocheilakt die moralischen, die gesetzlichen, die ökonomischen Kontexte zu bewerten und es ist natürlich auch eine Frage der Macht!

Der Vortragende notiert den Begriff Macht auf der Tafel. Er verdeckt so die Sicht auf die Projektionsfläche auf der Jakob Augstein und Nikolaus Blome in einem gekünstelten Streitgespräch über Griechenlands Reparationsforderungen unter dem Titel: 70 Jahre danach, spinnen die Griechen? diskutieren.

der vortragende 
Genau. Sie merken: Das Beispiel ist komplexer als man denkt, denn unsere spontane Reaktion mäandert zwischen Meinung und Moral, Frechheit oder berechtigte Forderung? Wir haben ein Gefühl!

In jedem Fall gibt es Schulden die einen Schuldbrief haben, die Teil einer schriftlichen Vereinbarung und beziffert sind und Schulden, die über keine expliziten Dokumente verfügen, nicht mehr verfügen oder niemals verfügten, weil Vertrauen und Moral über dem justitiablen stehen oder zumindest standen.
Der Handschlag unter Kaufleuten! Ja, auch die Ehre scheint ein Begriff zu sein, der hier sein Platz fordert…

…bei alledem ist die entscheidende Botschaft, dass es Schuldenfreiheit überhaupt nicht gibt und auch nicht geben soll! Das die Verbindlichkeit sich verklärt, die Adressaten, die Schuldner, die Gläubiger anonym werden und wir als Einzelpersonen fortwährend unser Verhältnis zwischen Schuld und Schulden, zwischen Sinnfälligkeit und Sinnlosigkeit, zwischen Hoffnung und Realismus, zwischen Macht und Ohnmacht neu verhandeln müssen! Oder wir lassen es uns vom Bundesfinanzminister Schäuble immer wieder erklären:

 schukldenschaäjhfoM

Die totale Verwirrung! Oder? Die vier Seiten einer Botschaft, kennen sie das? Selbstkundgabe, Sachebene, Appellseite, Beziehungsseite….auf keiner Seite verstehe ich etwas… nichts… da klingt nicht mal etwas außer die totale Verwirrung!!!

SHOPP

die zuhörenden

„Das erstaunliche an dem Satz man muss seine Schulden zurückzahlen ist, dass er nach ökonomischer Standardtheorie nicht stimmt. Wer Geld verleiht muss ein gewisses Risiko tragen. Wenn alle Kredite, egal wie idiotisch sie sind, immer einzutreiben wären – wenn es zum Beispiel kein Insolvenzrecht gäbe -, wären die Folgen katastrophal. Warum sollte ein Geldgeber nicht einen dummen Kredit vergeben?“ Graeber, 2015

Ich habe nichts zu verleihen… nein… verleihen ist einfach nicht cool! Seit Jahrtausenden. Leute die Geld verleihen sind einfach nicht cool! Das ist ein Gesetz! Du fragst ja nur um Hilfe wenn Du welche brauchst und aus der Frage wird dann leicht eine Bitte und die Bitte wird zu einem Flehen und so weiter und so weiter… Du fürchtest den Geldverleiher, weil er Macht über Dich hat, weil er Dich am Arsch hat, weil er deinen Fernseher pfändet oder Dir die Beine bricht oder dich zwingt jemand anderem die Beine zu brechen oder einfach dauernd unangenehm nachfragt! Neee…

Sag mal, brauchst Du eigentlich irgendetwas?

Nee, nicht wirklich, aber Shopping Malls…. die beruhigen mich immer irgendwie….

Lass uns hier mal rein…

„Nun, ich weiß, es klingt wie eine Selbstverständlichkeit“ sagt David Graeber „aber das Lustige ist, dass ökonomisch gesehen, Darlehen nicht so funktionieren. […] Wenn eine Bank eine Garantie hätte, dass sie Geld plus Zinsen zurückbekommt, ganz gleich was sie tut, würde das gesamte System nicht funktionieren.“

Hörst Du das?

„Stellen wir uns aber einmal vor, es gäbe ein Gesetz, das der Bank garantiert, das sie ihr Geld unter allen Umständen zurückbekommt, selbst wenn es bedeuten würde, dass ich, sagen wir einmal, meine Tochter in die Sklaverei verkaufen oder meine Organe verscherbeln müsste oder etwas in der Art. Warum sollten sie mir dann das Geld nicht geben? Und lieber warten bis jemand hereinspaziert, der einen realistischen Plan, für einen Waschsalon oder dergleichen hat? Im Grunde ist genau das die Situation, die der IWF auf globaler Ebene geschaffen hat – auf diese Weise kriegt man alle Banken dazu, dass sie eine Bande offensichtlicher Gauner Milliarden von Dollar zuschieben.“

Ist das nicht…

Wer?

Dr. Jürgen Schneider!

Immobilienunternehmer, Milliardenpleitier,

Betrug, Kreditbetrug, Urkundenfälschung

1995 verhaftet, 6 Jahre und 9 Monate Freiheitsstrafe…

…und 1999 entlassen…

Ähh ja…

Verschenken… Das ist ok! Ja, verschenken ist ok. Ein dichtes Netz aus Gefallen und Verbindlichkeiten. Eine Hand wäscht die andere und jeder ist darauf aus, dass seine Hand nicht dreckig bleibt – ganz von selbst. Die meisten waschen sich die Hände nachdem sie auf dem Klo waren… das muss man ihnen nicht sagen, das setzt sich einfach so fest, das ist gar keine Handlung mehr, das ist Verhalten! … wenn man genügend Achtung vor sich selbst … und vor den anderen hat!

Wie geht das jetzt hier…?

Die Zuhörenden nehmen ihre Fahrt wieder auf. Und auch der Vortragende hat seine eigene Verwirrung anscheinend überwunden. Nach einer nur mühsam nachvollziehbaren Thesenkette gelangte er zu Udo Reichel und seinem PartyHit „Alle machen Schulden“. Mitsingend werden die letzten auf der Bühne Verbliebenen Ballons zur Seite geschossen und der Plattenwagen mitsamt Tafel verschwindet auf der Hinterbühne. Auf der Projektion erscheint ein Wald: Es ist ein dichter Laubwald zu sehen, durch die Äste scheint die Morgensonne. Eine Nebelmaschine füllt nahezu lautlos den Bühnenboden während die Musik langsam verklingt und der Vortragende in der Bühnenmitte zur Ruhe kommt.

Man kann Schulden verteufeln. Man kann die Schuld verteufeln und allerlei Wege finden Vorkehrungen für das Morgen oder das Jenseits zu treffen, um die Bilanz irgendwie ausgeglichen zu halten… Glauben, Spenden, Jeden Tag eine gute Tat, Fahrrad fahren, kein Fleisch essen….Ja, das kann man.
Aber Schulden sind eben auch die spürbare Hoffnung auf ein Morgen. Schulden sind Dokumente für eine Verpflichtung auf das Morgen. Das Erreichen eines Zieles, die Verbindung zu einem Menschen, die Verbindlichkeit gegenüber dem Ganzen und dem Anderen. Die Verbindlichkeit. Er ist verbindlich.
Schulden zu machen, heißt Sehnsucht zu haben… Schulden machen heißt Sehnsucht und Verlangen nach einer Zukunft zu haben, an etwas glauben zu wollen, das andere einem verwehren…
Vertrauen und Schulden sind dabei das Engste aller Wortpaare und dann alles was damit zusammenhängt: Ethik, Moral, und so weiter, allein die Freiheit im Sinne der totalen Unabhängigkeit, die Freiheit im Sinne des Hier und Jetzt… die hat mit Schulden nun rein gar nichts zu tun.
Aber in der guten Welt, in der wirklich Guten Welt… da wird alles voller Schulden sein, nur wird es niemanden geben, der aus der Schuld des anderen absurden Nutzen für sich selbst zieht und sich selbst als Gläubiger stilisiert… solange es diese wirklich gute Welt aber nicht gibt.. so lange wird es sein wie immer und die Schulden werden der Nukleus der Revolution, der Nukleus, des Umsturzes, der großen Veränderung, die immer dann eintritt, wenn jemand nicht mehr zahlen kann und will und jemand anderes behauptet auf seinen Anspruch nicht verzichten zu wollen oder zu können… Und immer wieder werden wir uns Fragen: Wer ist der Gläubiger und wer der Schuldner des anderen!

Der Vortragende schlenkert seine Gliedmaßen parallel zur Musik. Ohne jegliche Körperspannung bewegt er sich und es erinnert mehr an einen Tanz, als das es wirklich ein Tanz ist. Auf der Projektionsleinwand im Hintergrund erscheint über dem Waldszenario Buchstabe für Buchstabe ein Zitat: „Wer jetzt nicht tanzt der ist selber schuld. Es dreht sich der Platz mit den Leuten langsam und in den Himmel hinein. Der größte Star aller Zeiten aus den Slums von Port’au’Prince, läßt seine Stimme schäumen; das klingt so schön nach Befreiung, so kann man so gut dabei träumen.“ Franz Josef Degenhardt (1990).

Black.

Dr. C’s Konversationslexikon: S wie Schulden von Armin Chodzinski und Nis Kötting. Es sprachen Armin Chodzinski, Andreas Grötzinger, Ruth Maria Kröger und Iris Minich. Redaktion: Walter Filz. Eine Produktion des Südwest Rundfunk 2015. Quellenangaben und weiterführende Links finden Sie unter www.drc-conversationslexikon.de. Viel Vergnügen und bis zum nächsten Mal, wenn es wieder heißt: Herzlich Willkommen!

Walter Benjamin.

Was.

Hast Du das eigentlich mal gelesen: Walter Benjamin: Kapitalismus als Religion.

Nein.

„Es liegt im Wesen dieser religiösen Bewegung, die der Kapitalismus ist, […]das Aushalten bis ans Ende […], bis an die völlige Verschuldung Gottes, den erreichten Weltzustand der Verzweifelung aud die gerade noch gehofft wird. Darin liegt das historisch Unerhörte des Kapitalismus, dass Religion nicht mher Reform des Seins, sondern dessen Zertrümmerung ist. Die Ausweitung der Verzweifelung zum religiösen Weltzustand aus dem die Heilung zu erwarten sei.“

Ahha. Hallo, Guten Abend…

Hallo.

Der Vortragende.

Schon hier, ich dachte…

Ihr wart ja gar nicht da….

Nee, wir haben es einfach nicht geschafft.

Ja, tut mir leid.

Schade.

Worum ging es denn diesmal?

Um die Hoffnung und die Verzweifelung, die darin liegt sich aneinander zu binden.

Um Heiraten?

Nicht ganz, es ging auch um Tanzen…

Aha.

Ja, Die Bewegung des Körpers. Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie sich nach kürzester Zeit im Tanz jedes Spiel, jedes Wollen auflöst… da sieht man die ganze Unbeholfenheit und das Ausgeliefertsein und all das…

Am Ende sind dann die meisten auf die Strasse gelaufen und haben gerufen: Wir; Wir, Wir haben ein Gefühl…!

Schön.

Ja, schön und irgendwie auch traurig…

…im Tanz, da leg’ ich mich fest liegt die Gleichheit in der unglaublichen Unterschiedlichkeit… eine Zeit lang hältst du das Pfauenhafte durch, aber dann… dann ist es wie es ist…

Ja.

Ja.

Ja.

Wirklich schön irgendwie…

Was?

Der Vortragende.

Wir, Wir, Wir haben ein Gefühl!