Dr. C.`s Conversationslexikon

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Eine Radiofeature Reihe von Armin Chodzinski und Nis Köttingmash_allegorie

Zunächst sind es vier Buchstaben, vier Begriffe: Geld, Effizienz, Schulden, Wachstum. Wo fängt es an und wo hört es auf? Und warum verändern sich die Begriffe so erheblich, wenn man den Maßstab, die Skalierung oder die Perspektive wechselt?

Dr. C. referiert und ist sich scheinbar sicher. Die Bühne ist die Versuchsanordnung auf der mit dem Denken begonnen wird. Das ist nicht immer elegant oder amüsant, nein, eher verkrampft und ein wenig unbeholfen. Denn es geht um alles: um Liebe, um Verstanden-Werden-Wollen, um Hoffnung, um das Unwohlsein mit dem Herrschenden, um Adressaten, um das Tänzeln zwischen Misanthropie und Philantropie! Man ist sich nicht ganz so sicher!

Gut, das es Menschen gibt, die immer wieder hilfreich strukturieren, eingreifen oder unterbrechen. Dr. C. merkt es nicht immer, aber die Zuhörenden nehmen es dankbar auf. Letztlich passiert dann doch eine Menge: Zitate, These, Verweise, Fundstücken aus unterschiedlichsten Zeiten und Quellen, machen die stringente Erzählung, die sich andauernd in sich selbst verfängt zu einer Collage. Und am Ende ist es eben ein Eintrag in Dr. C.’s Conversationslexikon, ein Feature – ein Radiodfeature mit und ohne Publikum.

Mit: Ruth Marie Kröger, Andreas Grötzinger, Iris Minich, Armin Chodzinski und Nis Kötting. Außerdem: Gerd Bauder, Matthias Friedel, und vielen mehr.

Armin Chodzinski und Nis Koetting - 02_BGrundsätzliches: Dr. C’s Conversationslexikon.

Das Konversationslexikon entwickelte sich parallel zu den bürgerlichen Salons und war vornehmlich als die lexikalische Grundlage einer zu führenden Konversation gedacht. Die Verflüssigung und Popularisierung des Wissens war das Hauptanliegen. Im Konversationslexikon ging es dann auch weit weniger um eine enzyklopädische Wahrheit, als vielmehr um die Grundierung des Gespräches, um Bildung und Vermittlung zur gemeinschaftlichen Reflektion. Reagierten Hübners Conversationslexikon (1709) oder Löbels und Frankes Converstaionslexikon mit vorzüglicher Rücksicht auf die gegenwärtigen Zeiten (1769) auf den Umstand der mangelnden Verfügbarkeit von Informationen, reagiert Dr. C’s Conversationslexikon auf dessen Überfluss und nimmt eine Sortierung, eine Collagierung und Aufbereitung quer zu den Disziplinen und Sichtweisen vor.

Die Feature-Reihe auf SWR 2:

 

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Sonntag, 6.09. / 14.05 Uhr / SWR 2:
Dr. C. Conversationslexikon: G wie Geld

Geld ist schön und demokratisch und eine grandiose Erfindung, aber eben auch ein Problem – nur was für eins? Zwischen den Opfer-Ritualen der Vorzeit, der Gewissheit, das Geld ein Band des Vertrauens ist und dem steten Verschwinden des Geldes, gibt es viele Fragezeichen. Das Klingen der Münzen ist der Klang einer vergangenen Zeit! Das Geld hat – wie so vieles – seine Deckung verloren und übrig bleibt allein der Glaube oder die Hoffnung… oder eben nichts!

 

Allegorie_361251Sonntag, 13.09. / 14.05 Uhr / SWR 2:
Dr. C. Conversationslexikon: S wie Schulden

Wer ist eigentlich jemals auf die Idee gekommen, das man Schulden zurückzahlen müsste? Eine saubere Bilanz! Eine ausgeglichene Bilanz! Selbst der Finanzminister hält Schulden für wichtig, notwendig und findet absurd sie nicht machen zu wollen in bestimmten Grenzen, versteht sich! Die Mafia basiert auf Schulden oder auf Schuld und die ganze Existenz sowieso. Zwischen Moral und Kennzahl entsteht eine große Verwirrung und wehe dem, der die Kategorien vermischt…

 

Allegorie_226148Sonntag, 20.09. / 14.05 Uhr / SWR 2:
Dr. C. Conversationslexikon: W wie Wachstum

Wir wachsen so gerne! Nein, anders: Wir sehen gerne Dinge wachsen, weil wir so gerne ernten! Jedes Wachstum ist das Versprechen einer Ernte! Nun, wäre das alles ganz einfach und schön, wenn die Grenzenlosigkeit der Erde nicht irgendwann durch den technischen Fortschritt aufgehoben worden wäre und wir die Endlichkeit der Ressurcen, die Endlichkeit des Wachstums nicht hätten anerkennen müssen. Klar irgendetwas kann und muss wachsen, aber was? Der Klang des Wortes hat sich verändert: Von der utopischen Verheißung zum Code des Weltunterganges.

 

IMG_20150619_142039Sonntag,27.09. / 14.05 Uhr / SWR 2:
Dr. C. Conversationslexikon: E wie Effizienz

Der moderne Tanz hat nicht eben wenig damit zu tun, dass die Wege zwischen den Maschinen an Effizienz gewannen. Wenn man mit Dingen zu tun hat, dann ist Effizienz eine Frage der Anordnung, der Gestaltung, der Laufzeit, der klaren Ziele und der definierten Mittel. Wenn man mit Menschen zu tun hat auch, aber die Fragen verlieren das Unschuldige und aus der Klarheit gebiert sich das Unwohlsein. Effizienz. Optimierung. Eigentlich alles gut! Erstrebenswert! Aber was ist das Ziel? Und Warum? Selbst das gepflegteste und sinnfreiste Rumsitzen rechtfertigt sich mit einer möglichen Produktivität, die erst so entstehen könne!? Kann mal jemand einfach auch mal keine Idee oder kein Ziel haben? Bitte!

 

Was ist eigentlich die Idee hinter dem „Conversationslexikon“?

Dr. C.’s Conversationslexikon stellt sich Begriffen, die zu Allgemeinplätzen geworden sind: Aktie, Bürokratie, Geld, Kreativität, Macht, Effizienz, Steuern, Volkswirtschaft, Wetten…
Dr. C. nährt sich den Begriffen von vorn: Von der Etymologie bis zur Verwendung, von der Buchstäblichkeit zur Bedeutung. Einer muss sich dem ja aussetzen dass wir eigentlich nicht mehr wissen worüber wir reden oder reden ohne zu wissen, was wir damit eigentlich sagen – das geht so nicht!
Und deshalb: Die Begriffe aus ihren emotionalen Kerkern befreien und den Diskussionen ohne Unterleib die Bodenhaftung zurückgeben! Oder wussten Sie, dass es Gesellschaften gibt in denen das Glücksspiel und die Wette ein akzeptiertes Mittel zur Umverteilung von Gütern war? Oder was eigentlich Schulden sind? Oder das Geld so etwas wie Religion ist nur ohne Gott?
Die Komplexität der aktuellen Probleme zwingt dazu dumme und grundsätzliche Fragen zu stellen – ohne Expertendiskurse und Positionierungseitelkeit.

 

Was wird denn hier unter „Bildung“ verstanden?

Nahezu allen Bildungstheorien ist gemein, dass sie das reflektierte Verhältnis zu sich selbst, zu anderen und zur Welt als ein Zeichen der Bildung verstehen. Das ist recht allgemein, aber dennoch sehr ernst zu nehmen. Dr. C. ist weit weniger theorieaffin als es manchmal den Anschein hat und das schützt davor in abgegrenzten ideologisch akademischen Zusammenhängen zu verharren. Dr. C. reflektiert sein Verhältnis zu sich selbst, zu anderen und zur Welt. Meistens ist die Reihenfolge eine andere, aber letztlich wird immer wieder der Prozess des Reflektierens öffentlich gemacht, zur Schau gestellt. In diesem zur Schaustellen gibt es kein Spielen, keinen Charakter und keine Rolle die eingenommen wird: Dr. C. denkt laut und begreift die Reflektion dessen als Bildung. Es wird sich weit aus dem Fenster gelehnt!

 

Gibt es einen grundsätzlichen Hintergrund zu diesem Vorhaben?

In den Gesellschaftswissenschaften blühen die Expertendiskurse! In den Talkshows wirft man sich Begriffe an die Köpfe! Man wird das Gefühl nicht los, als ginge es nur noch um emotionale Platzhalter! Eigentlich sind wir in einer Situation in der niemand irgendetwas sicher weiß – die Behauptung ist das Medium der Meinungsbildung geworden. Das Conversationslexikon bekennt sich zum Unwissen und schaut deshalb überall mal hin: Wo kommen die Begriffe her? Wie sind sie in die Welt gekommen? Was haben sie zu welcher Zeit für wen bedeutet? Und was macht man damit?

Die Naturwissenschaftler haben es leichter: Das Erklären von Phänomen und Gesetzmäßigkeiten ist and der Tagesordnung und vermittelt scheinbar unumstrittenes. Volksbildung als Vermittlung von Sicherheit für die Verunsicherten: Ranga Yogeshwar, Professor Harald Lesch, Dr. Eckart von Hirschhausen.

Dem gegenüber steht der Diskurs der Talkrunden, der Selbsterfahrungstripps, der investigativen Dialektik oder der Experten-Miniaturen: Herr Eppert sucht…, Alexander Kluge problematisiert, Gert Scobel diskutiert, Sarah Kuttner menschelt.

Die grundlegende Alphabetisierung der Zuschauer, die im komplexen Gewirr der Welt sich damit zufrieden geben ein Gefühl anstelle einer Meinung zu bilden, bleibt aus. Der Notwendigkeit von Meinung, Haltung und Handlung steht die mangelnde Zeit für das Lexikalische gegenüber. Natürlich sind nahezu alle Informationen verfügbar, aber in einer Kultur des Suchens funktioniert eine emanzipative Gesellschaft eben auch und vor allem durch das Finden. Jenseits der Unsicherheit der Experten, die in Behauptungen mündet, braucht es deshalb ein Format, dass sich zum Erklären und zum Unwissen bekennt und dessen Ziel es ist Handlungsfähigkeit oder zumindest Reflektion herzustellen oder wie die Blow Monkeys einmal so schön sangen: Educate and Activate!

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